Wenn staatliche Eingriffe in den Marktmechanismus gut gemeint, aber schlecht gedacht sind — eine ökonomische Analyse populistischer wirtschaftspolitischer Forderungen.
Preisobergrenzen auf dem Wohnungsmarkt und ihre kontraproduktiven Effekte auf Angebot und Qualität.
Preisuntergrenzen auf dem Arbeitsmarkt — wer wirklich profitiert und wer die Kosten trägt.
Wie Besteuerung Marktergebnisse verzerrt, Wohlfahrtsverluste erzeugt und Verhalten beeinflusst.
Wie Reichensteuern Kapital und Humankapital vertreiben — und die Laffer-Kurve zeigt, wann Steuern sich selbst aushöhlen.
Ein Mietendeckel ist eine staatlich festgelegte Preisobergrenze für Mieten — er verhindert, dass Mieten über ein bestimmtes Niveau steigen. Politisch populär, ökonomisch fatal: Das Marktgleichgewicht wird zerstört und eine chronische Wohnungsknappheit institutionalisiert.
Die Preiselastizität misst, wie stark sich die nachgefragte oder angebotene Menge verändert, wenn sich der Preis um 1 % ändert. Eine Elastizität von 2 bedeutet: Steigt der Preis um 10 %, sinkt die Nachfrage um 20 %.
Je höher der Mietpreis, desto attraktiver wird es, Wohnraum anzubieten. Bei niedrigen Mieten lohnt sich der Aufwand kaum — Reparaturen, Verwaltung und das gebundene Kapital übersteigen die Einnahmen. Bei hohen Mieten hingegen lohnt es sich sogar, Keller auszubauen, Dachgeschosse umzuwidmen oder neue Mehrfamilienhäuser zu bauen.
Höhere Mietpreise zwingen Menschen zu Kompromissen: Man zieht mit Mitbewohnern zusammen, pendelt aus günstigeren Vororten, wohnt enger oder bleibt länger bei den Eltern. Jeder Euro mehr Miete bedeutet einen Euro weniger für alles andere — Konsum, Sparen, Freizeitaktivitäten. Der Anreiz, Wohnfläche einzusparen oder auszuweichen, steigt.
In einem freien Wohnungsmarkt signalisiert ein steigender Mietpreis zweierlei: Auf der Nachfrageseite, dass Wohnraum knapp ist. Auf der Angebotsseite, dass der Bau neuer Wohnungen lohnenswert ist. Der Preis koordiniert Millionen individueller Entscheidungen ohne zentrale Planung.
Ein Mietendeckel unterhalb des Marktpreises zerstört dieses Signalsystem. Er sagt der Wirtschaft gleichzeitig: „Wohnungen sind billiger als sie sollten sein" — was die Nachfrage steigert — und „Wohnungen zu bauen lohnt sich nicht" — was das Angebot schrumpfen lässt.
Vermieter, die keine marktkonforme Rendite erzielen können, ziehen ihre Immobilien aus dem Mietmarkt — sie verkaufen, nutzen sie selbst oder lassen sie leer stehen. Die Instandhaltungsqualität sinkt, weil die Grenzkosten der Renovierung die regulierten Einnahmen übersteigen.
Empirisch belegt: Nach Berlins Mietendeckel 2020 sank das Angebot im regulierten Segment um über 50 %, während die Mieten im unregulierten Segment stark stiegen. Das Verfassungsgericht kippte das Gesetz 2021.
P* ist der Gleichgewichtspreis. Der Deckel PD liegt darunter. Bei PD wird die Angebotsmenge QA angeboten (blau), aber die Nachfragemenge QN verlangt (rot). Die rote Schraffur zeigt den Knappheitsbereich. Die gestrichelten Linien verbinden die Gleichgewichtspunkte mit den Achsen.
Neue Wohnprojekte werden unrentabel. Investoren weichen in andere Märkte oder Assetklassen aus. Das Wohnungsangebot schrumpft langfristig deutlich.
Vermieter minimieren Instandhaltung auf das gesetzliche Minimum. Renovierungen bleiben aus. Die Wohnqualität sinkt systematisch.
Günstige Wohnungen werden nicht nach Bedarf, sondern nach Beziehungen oder Wartezeit verteilt. Mieter verlassen zu groß gewordene Wohnungen nicht.
Illegale Ablösezahlungen und Bestechung entstehen. Der Deckel wird formal umgangen — mit Kosten für alle Beteiligten.
Der Mindestlohn setzt eine Untergrenze für den Lohnpreis auf dem Arbeitsmarkt. Anders als der Mietendeckel erzeugt eine Preisuntergrenze einen Angebotsüberschuss — hier: Arbeitslosigkeit. Die Frage ist, wer profitiert und wer die Kosten trägt.
Im Arbeitsmarkt misst die Elastizität, wie stark Arbeitgeber ihre Nachfrage reduzieren (oder Arbeitnehmer ihr Angebot erhöhen), wenn der Lohn steigt. Eine unelastische Nachfrage bedeutet: Höhere Löhne kosten kaum Jobs. Eine elastische Nachfrage bedeutet: Höhere Löhne kosten viele Jobs.
Ein höherer Lohn macht Erwerbstätigkeit attraktiver. Menschen, die bisher nur Teilzeit arbeiteten oder gar nicht am Arbeitsmarkt teilnahmen — Studierende, Rentner, Eltern in Elternzeit — beginnen, eine Stelle zu suchen. Außerdem steigen bereits Beschäftigte gerne auf Vollzeit um, wenn sich jede zusätzliche Stunde mehr lohnt.
Arbeit ist ein Produktionsfaktor mit Kosten. Steigen die Lohnkosten, prüfen Unternehmen, ob sie dieselbe Leistung günstiger erzielen können: durch Automatisierung, Outsourcing, straffere Organisation oder schlicht weniger Mitarbeiter. Besonders arbeitsintensive Branchen mit geringen Margen reagieren stark auf Lohnänderungen.
W* ist der markträumende Gleichgewichtslohn. Der Mindestlohn Wmin liegt darüber. Bei Wmin bieten QA Personen ihre Arbeit an (blau), aber nur QN Stellen werden nachgefragt (rot). Die orange Schraffur zeigt die unfreiwillige Arbeitslosigkeit.
Der politische Impuls hinter dem Mindestlohn ist verständlich: Niedriglöhne sollen steigen, damit Arbeit das Leben sichert. Doch die Ökonomie ist kein Nullsummenspiel — das Mandat, höhere Löhne zu zahlen, schafft nicht automatisch die Mittel dafür.
Unternehmen reagieren auf steigende Arbeitskosten rational: Sie reduzieren Mitarbeiterzahlen, ersetzen Arbeit durch Automatisierung, senken Nebenleistungen, erhöhen Preise oder verlassen den Markt. Die Kosten tragen Konsumenten und ausgerechnet jene Beschäftigten im Niedriglohnsektor.
Die Ironie des Mindestlohns: Die Verlierer sind oft genau jene Gruppen, die geschützt werden sollen. Geringqualifizierte, Jugendliche und Langzeitarbeitslose — Menschen, deren Grenzproduktivität unter dem Mindestlohn liegt — werden vom formellen Arbeitsmarkt ausgeschlossen.
Betriebe, die Mindestlohnarbeitsplätze anbieten, sind häufig kleine, margenschwache Unternehmen in arbeitsintensiven Branchen: Gastronomie, Einzelhandel, Reinigung. Dort sind die Substitutionseffekte besonders stark.
Dauerhafter Überschuss des Arbeitsangebots. Besonders betroffen: Jugendliche, Geringqualifizierte, Migranten mit Sprachbarrieren.
Steigende Lohnkosten beschleunigen die Substitution von Arbeit durch Maschinen. Der Netto-Beschäftigungseffekt kann stark negativ sein.
Hat ein Arbeitgeber Marktmacht, zahlt er bereits unter dem Wettbewerbslohn. Ein Mindestlohn kann hier Beschäftigung und Lohn gleichzeitig steigern.
Betriebe weichen auf informelle Beschäftigung, Scheinselbständigkeit und unbezahlte Praktika aus. Der Schutz unterläuft sich selbst.
Das Standardmodell des Arbeitsmarktes geht von vollständigem Wettbewerb aus — viele Arbeitgeber konkurrieren um Arbeitnehmer. In der Realität ist das oft anders. Wenn ein einzelner oder wenige Arbeitgeber einen lokalen Arbeitsmarkt dominieren, entsteht ein Monopson — das Gegenstück zum Monopol auf der Anbieterseite. Hier gilt die klassische Mindestlohnkritik nicht.
Ein Monopsonist ist der einzige oder dominante Käufer auf einem Markt. Auf dem Arbeitsmarkt ist das ein Arbeitgeber, dem Arbeitnehmer nicht einfach zu einer besser zahlenden Stelle wechseln können — weil es keine gibt, oder weil Mobilitätskosten, Ortsbindung und Informationsdefizite einen Wechsel verhindern. Der Monopsonist weiß das und zahlt weniger als er könnte.
Im Monopson liegt der tatsächliche Gleichgewichtslohn über dem vom Arbeitgeber gewählten Lohn. Der Monopsonist beschäftigt bewusst zu wenige Arbeitnehmer, um den Lohn niedrig zu halten. Ein Mindestlohn, der genau dieses Lohnsetzungsmonopol bricht, kann beide Probleme lösen: Löhne steigen und Beschäftigung steigt ebenfalls — ohne Arbeitslosigkeit.
Klassisches Beispiel: Kleine Bergbaustädte mit einem einzigen Industriearbeitgeber. Moderner: Amazon-Lager als einziger Großarbeitgeber einer Region, oder Krankenhäuser als Hauptarbeitgeber für Pflegepersonal in ländlichen Gebieten. David Card erhielt 2021 den Wirtschaftsnobelpreis teilweise für den empirischen Nachweis dieser Effekte.
Lange unterschätzt. Neuere Forschung des IAB (2023) zeigt: Auf deutschen Arbeitsmärkten herrscht weitaus häufiger unvollständiger Wettbewerb als klassische Modelle annehmen. Mobilitätskosten, Informationsasymmetrien und regionale Konzentration schaffen Monopsonmacht. Das bedeutet: Mindestlöhne sind in mehr Fällen sinnvoll, als die Standardtheorie suggeriert.
Die ökonomische Forschung ist differenzierter als die politische Debatte. Unter bestimmten Bedingungen kann ein Mindestlohn reale Vorteile erzielen — ohne die beschriebenen Negativeffekte auszulösen. Entscheidend ist immer: die Höhe des Mindestlohns relativ zur Marktproduktivität, die Struktur des lokalen Arbeitsmarkts und die Elastizitäten der Kurven.
Wo Arbeitgeber Lohnsetzungsmacht haben, zahlen sie bewusst unter dem Marktlohn. Ein Mindestlohn, der den Wettbewerbslohn approximiert, erhöht Beschäftigung und Einkommen gleichzeitig. Card & Krueger zeigten dies 1994 empirisch für New Jersey — der Nobelpreis 2021 bestätigte die Relevanz dieser Forschung.
Höhere Löhne können die Produktivität steigern: weniger Fluktuation, höhere Motivation, bessere Gesundheit der Arbeitnehmer. Das Effizienzlohnmodell zeigt, dass Unternehmen manchmal über dem Gleichgewichtslohn zahlen, weil es sich lohnt. Ein moderater Mindestlohn kann diesen Effekt für alle erzwingen.
Sehr niedrige Löhne führen dazu, dass Beschäftigte trotz Vollzeitarbeit auf Sozialleistungen angewiesen sind. De facto subventioniert der Steuerzahler die Lohnkosten margenschwacher Unternehmen. Ein Mindestlohn internalisiert diese Kosten und schafft Wettbewerbsgerechtigkeit — wie der DGB treffend formuliert: er verhindert die „Subventionierung von Billigheimern".
Steuern finanzieren öffentliche Güter — das ist ihre Legitimation. Doch jede Steuer verzerrt Marktentscheidungen und erzeugt einen Wohlfahrtsverlust: Menschen tätigen Transaktionen nicht mehr, die für beide Seiten vorteilhaft wären. Dieser „deadweight loss" ist der volkswirtschaftliche Preis staatlicher Einnahmen.
Bei Steuern bestimmt die Preiselastizität die Steuerinzidenz: Wer trägt die Last tatsächlich? Die unelastischere Marktseite kann dem Preis nicht ausweichen — sie zahlt den größeren Anteil, unabhängig davon, wer die Steuer formal abführt.
Eine spezifische Steuer (z.B. 2 € pro verkauftem Liter Benzin) erhöht die effektiven Kosten jeder verkauften Einheit. Der Anbieter muss nun einen höheren Preis verlangen, um dieselbe Marge zu erzielen. Grafisch verschiebt dies die gesamte Angebotskurve nach oben — um genau den Steuerbetrag.
Die tatsächliche Lastverteilung hängt von den Elastizitäten ab: Die unelastischere Marktseite trägt immer die größere Last. Bei unelastischer Nachfrage (lebensnotwendige Güter) zahlen Konsumenten fast alles. Bei unelastischem Angebot (spezialisierte Fachkräfte) tragen die Anbieter die Hauptlast.
Über die direkte Lastverschiebung hinaus entstehen Wohlfahrtsverluste: Transaktionen, die Käufer und Verkäufer zu Preisen zwischen PV und PK abgeschlossen hätten, finden jetzt nicht mehr statt. Diese verlorenen Austausche sind reine Vernichtung ökonomischen Wertes — weder Staat noch Marktteilnehmer profitieren.
Das Fatale: Der Wohlfahrtsverlust wächst mit dem Quadrat der Steuerhöhe. Eine Verdoppelung der Steuer vervierfacht den Schaden. Für weitreichende Umverteilungsprogramme mit hohen Grenzsteuersätzen (70-90 %) sind diese Effekte volkswirtschaftlich verheerend.
Bei einem Steuersatz von 0% sind die Einnahmen null. Bei 100% ebenfalls — niemand arbeitet oder produziert mehr, wenn der gesamte Erlös konfisziert wird. Dazwischen gibt es ein Maximum. Hochsteuerpolitik kann also nicht nur ineffizient sein — sie kann sogar Staatseinnahmen senken, wenn sie den ertragsstärksten Steuersatz überschreitet.
Die Steuer T verschiebt die Angebotskurve nach oben. Käufer zahlen PK (⬛ rote Fläche = Käuferbelastung), Verkäufer erhalten PV (blaue Fläche = Verkäuferbelastung). Das gelbe Dreieck ist der Deadweight Loss — verlorene Wohlfahrt die niemand erhält.
Wohlfahrtsverlust wächst quadratisch mit Steuerhöhe. Jeder Steuer-Euro generiert mehr als einen Euro sozialen Schadens bei hohen Steuersätzen.
Hohe Grenzsteuersätze reduzieren den Anreiz zur Mehrarbeit, Investition und unternehmerischem Risiko. Die Laffer-Kurve zeigt: Ab einem Punkt sinken Einnahmen.
Mobile Produktionsfaktoren (Kapital, Hochqualifizierte) weichen in Niedrigsteuergebiete aus. Die Steuerbasis erodiert langfristig.
Bei negativen Externalitäten (CO₂, Tabak) kann eine Steuer die gesellschaftliche Effizienz verbessern, indem sie externe Kosten internalisiert.
Hohe Spitzensteuersätze sind politisch attraktiv — sie versprechen Umverteilung, ohne die Mehrheit zu belasten. Doch Kapital ist mobil. Wenn der Preis der Besteuerung die Rendite übersteigt, verlassen Kapital und Humankapital das Land — und hinterlassen eine ausgehöhlte Steuerbasis.
Kapital reagiert stark auf Steuerdifferenzen zwischen Ländern — im Gegensatz zu Arbeit, die an Heimat, Sprache und soziale Netze gebunden ist. Je mobiler der Produktionsfaktor, desto mehr flieht er vor hohen Steuern. Das ist der Kern des Kapitalflucht-Arguments.
Investoren maximieren ihre Nachsteuerrendite. Wenn zwei Länder ähnliche wirtschaftliche Rahmenbedingungen bieten, aber unterschiedliche Steuersätze, fließt Kapital dorthin, wo mehr übrig bleibt. Mit zunehmender globaler Finanzintegration ist dieser Mechanismus stärker geworden: Kapital überquert Grenzen heute reibungslos, Arbeit nicht.
Bei sehr niedrigen Steuersätzen sind Einnahmen gering — der Satz ist klein. Bei sehr hohen Sätzen schrumpft die Steuerbasis: Kapital flieht, Investitionen sinken, legale Steuervermeidung nimmt zu, die Wirtschaft wächst langsamer. Irgendwo dazwischen liegt das Einnahmenmaximum — das ist die Kernaussage der Laffer-Kurve.
Bei t=0% sind Einnahmen null. Bei t=100% ebenfalls — niemand produziert mehr. Dazwischen gibt es ein Maximum t*. Die grüne Zone zeigt den Bereich wo Steuersenkungen Einnahmen steigern könnten. Die rote Zone markiert die prohibitive Region, wo Steuersenkungen Einnahmen erhöhen.
Arthur Laffer zeichnete 1974 auf einer Serviette eine einfache Kurve — und löste eine der folgenreichsten wirtschaftspolitischen Debatten der Nachkriegszeit aus. Die Grundidee ist mathematisch trivial: Steuereinnahmen T(t) = t × B(t), wobei B(t) die Steuerbasis ist, die selbst vom Steuersatz t abhängt.
Die entscheidende Frage ist nicht ob, sondern wo das Maximum liegt. Ökonomen streiten sich: Empirische Schätzungen für das einnahmenmaximierende Niveau des Spitzensteuersatzes reichen von 50 % bis über 80 %. Die Antwort hängt stark von der Elastizität des steuerbaren Einkommens ab — wie stark Hochverdiener ihr offiziell gemeldetes Einkommen reduzieren, wenn Sätze steigen.
Die Reagan-Steuersenkungen 1981 (70 % → 28 %) führten zu einem Wirtschaftsboom, aber auch zu explodierenden Defiziten — die erhöhten Einnahmen blieben aus. In Frankreich stieg das Steueraufkommen aus der Vermögensteuer zwischen 1989 und 2007 trotz (oder wegen) des bestehenden Satzes — aber 500.000 Wohlhabende verließen das Land in diesem Zeitraum. Beide Seiten haben Belege für ihre Position.
Kapitalflucht geschieht selten dramatisch. Sie ist ein schleichender Prozess — oft legal, schwer zu messen, und langfristig in seiner Wirkung verheerend für die Steuerbasis. Es gibt drei Hauptkanäle.
Hochvermögende verlegen ihren steuerlichen Wohnsitz ins Ausland. Deutschland hat seit 1972 die Wegzugsteuer (§ 6 Außensteuergesetz): Bei Wegzug werden stille Reserven besteuert. Trotzdem zogen sieben spätere Milliardäre kurz vor Inkrafttreten des Gesetzes aus. Schweizer Kantone mit Pauschalbesteuerung locken gezielt ausländische Vermögende an — IKEA-Gründer Kamprad zahlte dort effektiv ~22 % statt 56 % in Schweden.
Unternehmen buchen Gewinne in Niedrigsteuerländer um — ohne dass Menschen oder echte wirtschaftliche Aktivität das Land verlassen. Multinationale Konzerne deklarieren laut Studien rund 35 % ihrer Auslandsgewinne in Steueroasen. Deutschland verliert dadurch schätzungsweise 17 Milliarden Euro Steuereinnahmen jährlich durch solches „profit shifting". Der Staat besteuert Aktivitäten, die auf dem Papier woanders stattfinden.
Selbst ohne physische Bewegung reduzieren Hochverdiener ihr steuerbares Einkommen: Sie verschieben Auszahlungen, nehmen mehr Sachleistungen, investieren in steuerlich begünstigte Vermögenswerte oder gründen Holdingstrukturen. Die Elastizität des steuerbaren Einkommens (ETI) misst diesen Effekt — Studien schätzen sie für Topverdiener auf 0.5 bis über 1.0, was bedeutet: eine Steuererhöhung von 10 % reduziert das gemeldete Einkommen um 5–10 %.
Kritiker halten dagegen: Neuere Studien für USA, Spanien und 17 OECD-Länder finden nur geringe Mobilität selbst bei Superreichen. In Frankreich blieben laut einer Studie 99,5 % der Vermögensteuerpflichtigen trotz ISF im Land. Die Wahrheit liegt vermutlich in der Mitte: Moderate Steuererhöhungen treiben kaum jemanden zur Flucht — extreme Sätze wie die 75 % in Frankreich hingegen schon.
Die Empirie ist gemischt — und das ist politisch unbequem für beide Lager. Moderate Steuern auf breite Bemessungsgrundlagen funktionieren. Extreme Sätze auf schmale Basen scheitern meist. Entscheidend ist immer die Kombination aus Höhe, Design und internationaler Koordination.
François Hollandes 75 %-Spitzensteuer (2012–2014) ist das meistzitierte Negativbeispiel. Laut EZB flossen Oktober–November 2012 bis zu 70 Mrd. € Kapital ab. Stars wie Gérard Depardieu wanderten medienwirksam aus. Der Verfassungsrat erklärte die Steuer teils für verfassungswidrig; sie wurde 2015 abgeschafft. Die Einnahmen blieben weit hinter den Erwartungen zurück.
Schweden hatte von 1911 bis 2007 eine Vermögensteuer. Deren Abschaffung 2007 hatte laut Forschern „bemerkenswert begrenzte Auswirkungen" auf Migrationsströme. Das deutet darauf hin, dass die Mobilität auch bei hohen Steuern begrenzt war — oder dass andere Faktoren (Sozialleistungen, Lebensqualität) wichtiger sind als der Steuersatz allein.
Deutschland hat seit 1972 eine Wegzugsteuer, die bei Wohnsitzwechsel ins Ausland stille Reserven besteuert. Damit ist ein steuerfreier Wegzug für Millionäre kaum noch möglich — wer geht, zahlt etwa ein Drittel des in Deutschland aufgebauten Vermögens. Das hat die physische Kapitalflucht stark eingedämmt, ohne die Kapitalverlagerung über Konzernstrukturen zu verhindern.
Kapital- und Unternehmensabwanderung hinterlässt eine schrumpfende Bemessungsgrundlage. Die verbleibenden Steuerzahler müssen mehr tragen — ein Teufelskreis.
Wenn Gründer und Unternehmer Länder mit niedrigen Steuern für die Kapitalertragsphase bevorzugen, verliert ein Hochsteuerland überproportional seine innovativsten Firmen.
Eine globale Mindeststeuer für Milliardäre (Zucman-Vorschlag: 2 % auf Nettovermögen >1 Mrd.) könnte Kapitalflucht verhindern, indem es keine Steueroasen mehr gibt. Das G20-Pillar-Two-Projekt zeigt: Es ist machbar.
Bei Grenzsteuersätzen über ~60–70 % zeigt die Literatur konsistent sinkende reale Einnahmen. Der optimale Satz hängt von der Elastizität des steuerbaren Einkommens ab — und die ist bei Topverdienern hoch.
Alexander Daniel Bryant
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