Rente mit 63 & Aktivrente
Wer 45 Jahre eingezahlt hat, soll früher und ohne Abschläge in Rente gehen dürfen — so entstand 2014 die „Rente mit 63“. Wer nach der Regelaltersgrenze trotzdem weiterarbeitet, darf seit dem 1. Januar 2026 bis zu 2.000 € Lohn im Monat steuerfrei behalten — die „Aktivrente“. Beides klingt gerecht, beides ist populär. Zusammen bezahlt der Staat aber erst dafür, dass erfahrene Fachkräfte früher gehen, und dann dafür, dass Ältere bleiben, die meist ohnehin geblieben wären — kaum sichtbar, weil die eine Rechnung in der Rentenkasse landet und die andere im Steuerhaushalt.
Ein Jahrgang an der Altersgrenze
Das Modell verfolgt einen Geburtsjahrgang (900.000 Personen) im Alter von 60 bis 72 Jahren. Es zeigt, wie viele in welchem Alter noch arbeiten — abhängig davon, wer abschlagsfrei gehen darf, wie hoch der Abschlag für alle anderen ist, wo die Regelaltersgrenze liegt und wie stark ein Steuerfreibetrag das Weiterarbeiten danach belohnt. Daraus ergeben sich Beschäftigung, Mehrausgaben der Rentenkasse und der Steuerausfall der Aktivrente.
Zwei Preise an derselben Schwelle
Der Zeitpunkt des Ruhestands ist eine Abwägung: Jedes weitere Arbeitsjahr bringt Lohn und eine höhere Rente, kostet aber Freizeit. Der Abschlag ist der Preis des früheren Ausstiegs. Wer ihn für eine Gruppe auf 0 setzt, macht den frühen Ausstieg für genau diese Gruppe konkurrenzlos billig — und es ist die Gruppe mit langen, stabilen Erwerbsbiografien. Die Aktivrente senkt umgekehrt den Preis des Weiterarbeitens nach der Regelaltersgrenze. Dort arbeiten aber schon Hunderttausende; sie erhalten den Steuervorteil, ohne ihr Verhalten zu ändern. Nur wer wegen der Subvention zusätzlich arbeitet, ist ihr Ertrag. Die Anhebung der Altersgrenzen braucht keine Subvention, verlagert aber einen Teil der Kosten in die Arbeitslosenversicherung — und sie ist unbeliebt.
Was kostet ein früherer Ruhestand?
Für jeden Monat, den eine Altersrente vor der Regelaltersgrenze beginnt, wird sie lebenslang um 0,3 % gekürzt — 3,6 % pro Jahr, höchstens 14,4 % bei vier Jahren. Die Bundesbank hat im Juli 2026 nachgerechnet: Versicherungsmathematisch neutral wären für den Jahrgang 1964 bei Rentenbeginn mit 63 statt 67 rund 17,8 %. Schon der normale Abschlag ist also eher zu niedrig. Die „Rente für besonders langjährig Versicherte“ setzt ihn für bis zu zwei Jahre ganz aus: 2024 nutzten das rund 269.000 von 937.000 neuen Altersrentnern.
Wie viele hätten ohnehin gearbeitet?
Eine Subvention erreicht alle, die das geförderte Verhalten zeigen — auch jene, die es ohne Förderung gezeigt hätten. Das DIW Berlin zählte für 2022 rund 313.000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte ab 66 Jahren; etwa 234.000 von ihnen profitieren direkt von der Aktivrente. Ohne jede Verhaltensänderung kostet das rund 770 Mio. € Steuern pro Jahr (der Gesetzentwurf rechnet mit 890 Mio. €). Bei 75.000 zusätzlich Beschäftigten (41.000 Vollzeitstellen) ergäbe sich laut DIW sogar ein Überschuss von gut 520 Mio. €, bei 150.000 von 1,8 Mrd. €; rechnerisch liegt die Gewinnschwelle bei rund 45.000 — vorausgesetzt, sie verdrängen keine Jüngeren, und einschließlich vorsichtig geschätzter Unternehmens- und indirekter Steuern. Entscheidend ist die Partizipationselastizität ε: um wie viel Prozent die Beschäftigung steigt, wenn der Nettolohn um ein Prozent steigt.
Das Modell: Wer geht wann — und wer bleibt?
Ein Anteil q des Jahrgangs darf zwei Jahre vor der Regelaltersgrenze R ohne Abschlag gehen — und tut es. Von allen anderen geht ein Anteil u vorzeitig mit Abschlag d (in % pro Jahr); je höher der Abschlag, desto weniger:
Beim heutigen Abschlag von 3,6 % sind das 40 % — im Schnitt 32 Monate vor R, wie in der Rentenzugangsstatistik 2024. Ret(a) ist der Anteil, der im Alter a bereits in Rente ist. Von den Übrigen arbeitet der Anteil P(a); der Rest ist arbeitslos, krank oder nicht erwerbstätig:
P(a) = κ + 0,03 · (65 − a)
E(a ≥ R) = b · [1 + ε · ν(F)] · e−(a − R)/3
b = B0 / (3N)
Die Rente mit 63 kostet die Beschäftigung, die zwischen dem Verlauf mit (q) und ohne (0) abschlagsfreien Zugang liegt — und die Rentenkasse zusätzliche Rentenmonate plus den erlassenen Abschlag über T = 22 Rentenjahre (N = 900.000 Personen, p = Jahresrente von 21.600 €, y = u(d) · 8/3 = Jahre, die dieselben Personen mit Abschlag früher gegangen wären):
K = N · q · p · [(2 − y) + (d/100) · y · T]
Die Aktivrente erhöht den Nettolohn der B0 = 313.000 bereits Beschäftigten um den Anteil ν(F). Zusätzlich arbeiten ΔB Personen; jede bringt dem Staat r an Steuern und Beiträgen, alle erhalten die Steuerersparnis s(F) (t = Grenzsteuersatz, w = mittlerer Monatslohn der Begünstigten):
Saldo = r · ΔB − s(F) · (B0 + ΔB)
Mitnahme = B0 / (B0 + ΔB)
s(F) = 12 · t · w · (1 − e−F/w)
ν(F) = s(F) / [12 · (1 − t) · w]
t = 0,17; w = 1.800 €; r = 19.650 €
Solange ΔB klein ist gegenüber B0, fließt fast die gesamte Steuerersparnis an Menschen, die ohnehin gearbeitet hätten. Selbst bei ε = 1 liegt der Mitnahmeanteil im Modell noch bei 88 %.
Fachkräfte gehen früher
Ohne die abschlagsfreie Rente gingen die Betroffenen im Schnitt zehn Monate später — das entspricht rund 125.000 Vollzeitkräften (DIW Berlin für die Bertelsmann Stiftung, 2026).
Milliarden je Jahrgang
Für den Jahrgang 1957 hätte die Abschaffung die Rentenversicherung um 10,4 Mrd. € entlastet; nach Abzug geringerer Steuern und Beiträge bleiben 9,5 Mrd. € je Jahrgang.
Mitnahme statt Mehrarbeit
Rund 234.000 bereits Beschäftigte erhalten die Aktivrente ohne Verhaltensänderung; 73 % der Entlastung gehen an das einkommensstärkste Fünftel (DIW Berlin, 2025).
Entlastung nach 45 Jahren
Wer nach 45 Beitragsjahren nicht mehr kann, behält bis zu 7,2 % Rente, die sonst lebenslang abgezogen würden — für Menschen mit kürzerer Lebenserwartung ein echter Ausgleich.
Was Reformen an der Altersgrenze tatsächlich bewirkt haben
Altersgrenzen gelten nach Geburtsdatum — wer einen Monat zu früh geboren ist, fällt unter andere Regeln. Das liefert saubere Vergleichsgruppen. Der Befund: Altersgrenzen wirken stark, verlagern aber einen Teil der Älteren in die Arbeitslosigkeit; Steueranreize im Rentenalter wirken schwach. Stand 2. Oktober 2026: Die Alterssicherungskommission empfahl am 23. Juni 2026, den abschlagsfreien Zugang abzuschaffen, die Altersgrenze für die Rente mit Abschlägen von 63 auf 64 anzuheben und die Regelaltersgrenze nach 2031 an die Lebenserwartung zu koppeln (voraussichtlich 67,5 Jahre bis 2041). Der Koalitionsausschuss vereinbarte am 2. Juli 2026, die Empfehlungen umzusetzen; das Gesetz soll bis Ende 2026 verabschiedet werden. Ein offizieller Gesetzentwurf lag Anfang Oktober noch nicht vor (ein im September bekannt gewordener Arbeitsentwurf des Arbeitsministeriums gilt laut Ministerium als überholt); geltendes Recht ist unverändert.
Österreich 2000–2004: früheste Altersgrenze +2 Jahre
Zwei Reformen hoben das früheste Rentenalter für Männer von 60 auf 62 und für Frauen von 55 auf 58,25 Jahre. Staubli und Zweimüller (2013) messen bei den Betroffenen +9,75 Prozentpunkte Beschäftigung (Männer) und +11 (Frauen). Zugleich stieg die Arbeitslosigkeit um 12,5 bzw. 11,8 Prozentpunkte, vor allem bei Geringverdienern und gesundheitlich Eingeschränkten; die Invaliditätspension blieb nahezu unberührt. Der Staat sparte netto dennoch: 107 Mio. € (Männer) bzw. 122 Mio. € (Frauen) je Geburtsjahrgang und Jahr Anhebung.
Deutschland: Ende der Altersrente für Frauen
Für Frauen ab Jahrgang 1952 entfiel die Altersrente mit 60; der früheste Rentenbeginn stieg auf 63. Geyer und Welteke (2021) finden bei 60- und 61-Jährigen +14,4 Prozentpunkte Beschäftigung, etwa ein Viertel mehr als zuvor. Aktives Ausweichen in andere Sozialleistungen gab es kaum: Wer Arbeit hatte, blieb in Arbeit — wer arbeitslos war, blieb es allerdings auch.
Deutschland seit 1. Juli 2014: Rente mit 63
Dolls und Krolage (2023) zeigen mit Rentenversicherungsdaten: Ein Jahr niedrigere abschlagsfreie Altersgrenze senkt das durchschnittliche Rentenzugangsalter um 0,3 bis 0,4 Jahre; an der neuen Grenze häufen sich die Zugänge. Börsch-Supan, Coppola und Rausch (2015) finden, dass die Begünstigten überdurchschnittliche Rentenansprüche haben und nicht kränker sind als andere — eher im Gegenteil.
Schweden 2007 und Deutschland 2026: Steueranreize
Schwedens Steuergutschrift und niedrigere Arbeitgeberabgaben ab 65 hoben die Beschäftigung zuvor steuerpflichtig Beschäftigter um 1,5 Prozentpunkte und rechneten sich fiskalisch nicht (Laun, IFAU 2012); die Partizipationselastizität liegt bei etwa 0,22 (Laun 2017). Für die deutsche Aktivrente (Bundestag 5. Dezember 2025, in Kraft seit 1. Januar 2026) erwartet das DIW Berlin geringe, unsichere Beschäftigungseffekte. Amtliche Zahlen zur tatsächlichen Nutzung lagen Anfang Oktober 2026 noch nicht vor.
Was für Rente mit 63 und Aktivrente spricht
Die Kritik an beiden Instrumenten ist unter Ökonomen breit geteilt — aber die Gegenargumente sind nicht schwach. Sie betreffen vor allem die Frage, wen höhere Altersgrenzen treffen, und wie sicher die Schätzungen sind.
Wer früh stirbt, bekommt weniger Rente
Eine einheitliche Altersgrenze behandelt Ungleiches gleich. Nach Daten des Robert Koch-Instituts leben Männer der höchsten Einkommensgruppe ab 65 im Mittel 6,6 Jahre länger als Männer der niedrigsten, bei Frauen sind es 3,7 Jahre (Lampert u. a. 2019). Wer mit 16 in die Lehre ging und 45 Jahre körperlich gearbeitet hat, finanziert mit seinen Beiträgen die längeren Renten anderer. Ein früherer, abschlagsfreier Zugang gleicht das teilweise aus — wenn er die Richtigen erreicht.
Nicht jeder kann länger arbeiten
Höhere Altersgrenzen verlängern nicht nur Erwerbsarbeit. In Österreich stieg mit der Reform auch die Arbeitslosigkeit Älterer deutlich; in Deutschland blieben arbeitslose Frauen länger arbeitslos, in Ostdeutschland stieg die Arbeitslosenquote der 60- und 61-jährigen Frauen um rund 15 Prozentpunkte (Geyer und Welteke). Auch die DIW-Studie von 2026 empfiehlt die Abschaffung nur mit Schutz für Härtefälle, etwa über eine Einkommensgrenze. Im Simulator steht dafür die Weiterarbeits-Quote κ.
Die Aktivrente kann sich rechnen
Die Rechnung des DIW Berlin zeigt auch die Chance: Schon 75.000 zusätzlich Beschäftigte (41.000 Vollzeitstellen) brächten ein Plus von gut 520 Mio. € pro Jahr, 150.000 sogar 1,8 Mrd. €; die Gewinnschwelle liegt rechnerisch bei rund 45.000. Wie stark Ältere auf Steueranreize reagieren, lässt sich laut den Autoren nicht genau schätzen, weil es bisher kaum Beschäftigte in diesem Alter gab. Die Regelung ist einfach, und wer bis zur Regelaltersgrenze gearbeitet hat, bleibt auch danach häufiger erwerbstätig (Johannes Geyer, DIW).
Wo die Evidenz gemischt ist
Dolls und Krolage finden, dass die Reaktion auf die Rente mit 63 nicht nur am Geld liegt: Die neue Altersgrenze wirkt auch als Orientierungspunkt. Höhere Abschläge allein würden das Verhalten dann weniger ändern, als das Modell unterstellt. Und trotz Rente mit 63 ist die Erwerbstätigenquote der 60- bis 64-Jährigen weiter gestiegen — 2024 lag sie bei 66,6 %. Die Regelung dürfte den Trend gebremst haben (Dolls/Krolage), umgekehrt hat sie ihn nicht. Zudem arbeitet ein Viertel der abschlagsfrei Verrenteten neben der Rente weiter (Bertelsmann Stiftung 2026); das Modell setzt diese Gruppe vereinfachend auf 0.
Rente mit 63 und Aktivrente simulieren
Quellen
- Bach, S., Buslei, H., Geyer, J., Haan, P. & Pieper, J. (2025): Aktivrente entlastet vor allem besserverdienende Rentner*innen – mit unsicheren Beschäftigungseffekten. DIW Wochenbericht 25/2025, S. 395–402; Pressemitteilung des DIW Berlin vom 18. Juni 2025. Dazu: Aktivrentengesetz, Beschluss des Bundestages vom 5. Dezember 2025, Zustimmung des Bundesrates am 19. Dezember 2025; Steuermindereinnahmen laut Gesetzentwurf 890 Mio. € pro Jahr.
- Bach, S., Geyer, J., Haan, P. & Harder, L. (2026): Abschaffung der abschlagsfreien Frühverrentung – Analyse der fiskalischen Einsparungen und Beschäftigungseffekte. DIW Berlin im Auftrag der Bertelsmann Stiftung; Pressemitteilung vom 3. Juni 2026.
- Börsch-Supan, A., Coppola, M. & Rausch, J. (2015): Die „Rente mit 63“: Wer sind die Begünstigten? Was sind die Auswirkungen auf die Gesetzliche Rentenversicherung? Perspektiven der Wirtschaftspolitik 16(3), S. 264–288.
- Dolls, M. & Krolage, C. (2023): ‘Earned, not given’? The effect of lowering the full retirement age on retirement decisions. Journal of Public Economics 223, 104909.
- Staubli, S. & Zweimüller, J. (2013): Does raising the early retirement age increase employment of older workers? Journal of Public Economics 108, S. 17–32.
- Geyer, J. & Welteke, C. (2021): Closing Routes to Retirement for Women: How Do They Respond? Journal of Human Resources 56(1), S. 311–341 (Zahlen nach IZA Discussion Paper 10681, 2017).
- Laun, L. (2017): The effect of age-targeted tax credits on labor force participation of older workers. Journal of Public Economics 152, S. 102–118; Arbeitspapierfassung: The effect of age-targeted tax credits on retirement behavior. IFAU Working Paper 2012:18.
- Stellungnahmen und Beschlüsse 2026: Deutsche Bundesbank, Stellungnahme — Aktualisierte Berechnungen zu Ab- und Zuschlägen bei vorgezogenem oder aufgeschobenem Rentenzugang, 9. Juli 2026; Alterssicherungskommission, Empfehlungen, 23. Juni 2026; Bundesregierung, FAQ zur Rentenreform (Beschluss des Koalitionsausschusses vom 2. Juli 2026).
- Amtliche Statistik: Deutsche Rentenversicherung, Rentenzugang 2024 (269.000 abschlagsfreie Renten für besonders langjährig Versicherte, 937.000 neue Altersrenten, 28 % mit Abschlägen, im Mittel 32 Monate), zitiert nach Haufe, 23. Juni 2025; Statistische Ämter des Bundes und der Länder: Erwerbstätigenquote der 60- bis 64-Jährigen 2024 (Mikrozensus), Nachhaltigkeitsindikatoren, statistikportal.de.
- Lampert, T., Hoebel, J. & Kroll, L. E. (2019): Soziale Unterschiede in der Mortalität und Lebenserwartung in Deutschland. Journal of Health Monitoring 4(1), Robert Koch-Institut.